Schweinfurter Tagblatt am 25.09.2013

Konfirmanden gestalten außergewöhnliche Feier am Gedenkort für Zwangsarbeiter mit

Erinnerung an die Zwangsarbeiter: Die jährliche Feier am Gedenkort in Oberndorf gestalteten auch heuer wieder Konfirmanden der evangelischen Kirche mit.

Selina, Anke und Rica sind so alt wie Olena Hryhorivana oder Sagorsjka Daria Jakiwna. Als diese Ukrainerinnen 1942 von den Nazis nach Deutschland verschleppt und in Schweinfurt zur Arbeit gezwungen wurden, waren auch sie erst 14 und 15 Jahre alt. Selina, Anke und Rica, Konfirmandinnen der Christuskirche, haben am Montagabend mit anderen Konfirmanden ihrer Pfarrei und der Gustav Adolf, Kreuz- und Auferstehungskirche die Feier zum Gedenken an die über 10 000 Zwangsarbeiter am Erinnerungsort in Oberndorf mitgestaltet.

Die Feier war außergewöhnlich. An den drei Bäumen und der erklärenden Tafel am Zugang zum Erinnerungsort waren die Schilderungen dieser und weiterer Zwangsarbeiterinnen über ihre Verschleppung und die schwere Zeit in Schweinfurt aufgehängt. Es sind Auszüge aus Interviews, die Mitglieder der „Initiative gegen das Vergessen“ führten.

Kreuzkirche-Pfarrerin Christhild Grafe forderte nun die rund 60 Zuhörer auf, dieses Schicksalberichte zu lesen. Die Fragen, die auf zeitgleich verteilten Zetteln standen, waren so problemlos zu beantworten. Eine Frage lautete – in Anspielung auf die Inschrift auf dem von herman de vries geschaffenen Gedenkstein: Auf welche Weisen wurde die Menschenwürde der Zwangsarbeiter verletzt?

Die Antworten, großteils die der Konfirmanden, verkündete Pfarrer Harald Deininger (Auferstehungskirche): Zu wenig zu essen bekommen, untergebracht in Baracken, die Verschleppung, die Rechtlosigkeit, nicht zu wissen, wann und ob man wieder nach Hause kommt.

Der Gedenkort auf dem ehemaligen Gelände des Lagers Mittlere Weiden ist im September 2011 im Beisein ehemaliger Zwangsarbeiter übergeben worden. Die Patenschaft übernahm die evangelische Kirche, oder genauer: der jeweilige Konfirmandenjahrgang. Wie am Gedenkort für die ermordete Zwangsarbeiterin Zofia Malczyk (beim Leopoldina), wo das Bayernkolleg seit 2007 Pate ist, sollten es wieder junge Leute sein, die Erinnerungsarbeit leisten

Heuer waren es 36 Konfirmanden aller vier genannten Pfarreien. Bemerkenswert: Neben Grafe und Deininger waren auch die Pfarrer Manfred Herbert (Gustav Adolf, übernahm den musikalischen Part), Eva Loos (Dreieinigkeit), Siegfried Bergler (St. Johannis) und Dekan Oliver Bruckmann gekommen.

Man könne über das, sagte Grafe, was damals in der Nazi-Diktatur geschehene Unrecht sagen: Alte Kamellen, alles lange her, lasst es mal sein, wie sie es immer wieder höre. „Nein, wir tun das ganz bewusst nicht“, lautete ihre Antwort. Man wolle und müsse wieder ein „Fingerzeig sein“, weil es darum gehe, diesen Menschen nicht ein zweites Mal ihre Würde zu rauben. Der tiefe Sinn eines Fingerzeiges sei „das Erinnern und das aufmerksam Machen“.

Grafe interviewte Ulrike Cebulla, die ihrerseits etliche Zwangsarbeiterinnen interviewt hatte. Sie habe dabei vor allem Dankbarkeit gespürt, dass man sich für ihre Schicksale interessiert, schilderte Cebulla die Reaktionen auf ihren Besuch in der Ukraine. Die Berichte wiederum hätten sie angerührt, seien auch der Grund für sie und die anderen Initiativenmitglieder für diesen „Teil Erinnerungsarbeit“. Der Sprecher der Initiative, Klaus Hofmann, wohnte dem Zeremoniell ebenso bei.

Gemeinsam lasen alle am Ende das Stuttgarter Schuldbekenntnis vom Oktober 1945, in dem die nach dem Zweiten Weltkrieg neu gebildete EKD eine Mitschuld evangelischer Christen an den Verbrechen des Nationalsozialismus bekannte.

Schweinfurter Tagblatt, 25.09.2013 / Bericht und Foto: Hannes Helferich

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