Schweinfurter Tagblatt vom 22.01.2013

Nathans Lehren: Religiöser Trialog in der Christuskirche
„Nathan der Weise“ in der Christuskirche – Vertreterinnen der drei monotheistischen Weltreligionen im Gespräch
(Von Mathias Wiedemann, Fotos Martina Müller)

Es beginnt schon mit dem Wort Toleranz. Kann man es wertfrei verwenden, oder schwingt darin ein Hauch Herablassung mit? Bedeutet, das Andersartige zu tolerieren eine Begegnung auf Augenhöhe, oder ist damit nur gesagt, dass der Tolerierende auf feindselige Vorstöße gegen den Tolerierten verzichtet? Lessings dramatisches Gedicht „Nathan der Weise“ von 1779 gilt gemeinhin als eloquenteste Umsetzung des Toleranzgedankens der Aufklärung. In der berühmten Ringparabel überzeugt der Jude Nathan den muslimischen Sultan Saladin davon, dass keine der drei monotheistischen Weltreligionen den Alleinvertretungsanspruch auf Gott hat.

Das Stück war am Sonntag somit idealer Einstieg für eine ungewöhnliche Veranstaltung in der Christuskirche: Das Ensemble Theatrum Schloss Hohenerxleben spielte den „Nathan“ in einer eigenen Fassung, anschließend unterhielten sich zur Moderation von Siegfried Bergler drei Frauen im Gemeindesaal über verbindende und trennende Elemente ihrer Religionen: die Landessynodale Renate Käser aus Euerbach, die Muslima Ayfer Fuchs und Yael Deusel, Rabbinerin aus Bamberg.

Mit einer ganzen Lutherdekade – fünf Jahre vor und fünf Jahre nach 2017 – begeht die Evangelisch-Lutherische Kirche den 500. Jahrestag von Luthers Thesenanschlag. Im Dekanat Schweinfurt ist Pfarrer Martin Schewe für das Programm zuständig. Das Themenjahr 2013 soll Errungenschaften und Schattenseiten der Reformation ausloten. Schewe: „Die Reformation hat die ganze Welt verändert – und nicht nur zum Guten.“ Schließlich gebe es auch ausgesprochen intolerante Äußerungen Luthers zu Judentum und Islam.

Der „Nathan“ ist nicht nur für seine Entstehungszeit oder die Zeit, in der er spielt (während des dritten Kreuzzugs), sondern auch vor dem Hintergrund des – bestenfalls – stagnierenden Trialogs der drei großen monotheistischen Religionen heute eine Utopie. Schließlich führt Lessing mit dem Sultan eine Figur mit echtem Erkenntniswillen ein – und solche Menschen gab es zu allen Zeiten nicht viele. Die Inszenierung des Ensembles Theatrum (Friedrike von Krosigk) stellt folgerichtig die menschlichen und nicht so sehr die religionstheoretischen Aspekte in den Vordergrund. Hubertus von Krosigk und Christiane Friebe spielen den Nathan stellenweise simultan, sozusagen in wörtlicher Umsetzung der jüdischen Auffassung (auf die Yael Deusel später hinweisen wird), dass der Mensch nur verkörpert durch Mann und Frau vollständig sei. Am stärksten aber sind die Momente, in denen Hubertus von Krosigk als Nathan allein ist mit seinen Zweifeln und seiner unideologischen Weltsicht. Der Iraner Vahid Shahidifar spielt den Sultan Saladin mit natürlicher Autorität – sie erst erlaubt es ihm, offen zu sein für fremdes Denken. Eine Geisteshaltung, die der junge christliche Tempelherr (Sören Wendt), Retter von Nathans Tochter Recha, erst noch lernen muss.

Musikstücke aus allen drei Kulturkreisen, gesungen und gespielt auf Zither, Wanderharfe und Cello, bringen nicht nur klangliches Kolorit, sondern machen vor allem starke gemeinsame Wurzeln deutlich.

Das anschließende Gespräch scheint denn auch eher vom Bewusstsein des Gemeinsamen geprägt, ganz im Sinne eines zentralen Satzes aus dem Stück: „Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen für den erträglicheren zu halten.“ Jede der drei Frauen fühlt sich naturgemäß ihrem eigenen Glauben am stärksten verbunden. Aber es sei auch eine im Koran formulierte Aufgabe, andere Religionen kennenzulernen und für sie offen zu sein, sagt Ayfer Fuchs, und zitiert einen Cousin, der Hodja ist: „Man soll die Religion der Zeit entsprechend leben.“

Die Religionspädagogin Renate Käser ist immer wieder bereit, den eigenen Glauben auf den Prüfstand zu stellen. Um ihn so zu leben, wie sie ihn auch anderen vermitteln möchte. „Ich kann aber nicht bestimmen, was jemand anders glauben soll.“

Yael Deusel verwendet lieber den Begriff Akzeptanz: „Toleranz klingt sehr schön, hat aber etwas Abwertendes. Akzeptanz bedeutet, der Andere darf anders sein, ich erwarte aber auch, dass der Andere mich akzeptiert.“

Der Trialog der Religionen, auch darin sind sich die Frauen einig, funktioniert dann, wenn vor allem Frauen und möglichst keine Würdenträger beteiligt sind. Ayfer Fuchs führt die interkulturellen Frauenfrühstücke an. „Wir machen das in Bamberg auf einer ganz praktischen Ebene“, sagt Yael Deusel, „da geht es ums Einkaufen oder Tipps, welches Putzmittel das beste ist“. Im übrigen sei es nie gut, wenn Religion und Politik vermischt werden.

Und sogar für den ewigen Streitfall Jerusalem lässt sich eine versöhnliche Sicht finden. Die Rabbinerin schildert samstägliche Eindrücke: „Wenn der Muezzin ruft, die Kirchenglocken läuten und Juden zum Gebet an die Klagemauer streben – das ist immer ein eindrucksvolles Bild des miteinander Verflochtenseins.“

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