Schweinfurter Tagblatt vom 09.11.2012

Martin Schewe, Pfarrer der Christuskirche, war bei den Friedensgebeten in Leipzig dabei

Martin Schewe: Er zeigt Fotos von seiner Zeit als DDR-Bausoldat und das Emblem Schwerter zu Flugscharen, das ihm Probleme bereitete. Vor ihm liegt ein Teil seiner Stasi-Akten.

„Ab sofort“. Zwei Worte, große Wirkung: DDR-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski hat damit am 9. November 1989 die Mauer nach 28 Jahren zu Fall gebracht. „Ab sofort“ antwortete Schabowski auf die Frage von Reportern, wann die zuvor verkündete erleichterte Reiseregelung in Kraft tritt.

Martin Schewe, heute Pfarrer der Christuskirche, damals Theologie-Student in Jena, hörte die Worte auch – in der Aktuellen Kamera, dem Nachrichtenprogramm der DDR. Er konnte das „zunächst auch gar nicht glauben“. Einem Professor an der Uni Jena schien das ebenso zu gehen. Er ließ die angesetzte Klausur tags darauf noch schreiben. Am 10. November mittags ist Schewe nach Berlin gefahren. Es war „der letzte Zug, in den noch Menschen in Jena zusteigen konnten“.

Und in Berlin? Da ist er in Schönefeld zum ersten Mal in den Westen marschiert, dann kehrte er wieder zurück in den Osten und ging wieder rüber. Er wiederholte das dann noch einmal. „Ich wollte sehen, ob das funktioniert“. Schewe sagt, dass er zwar „wie immer“ jedes Mal kontrolliert wurde, trotz der Tausenden von Menschen, aber es hat funktioniert, er konnte sich frei bewegen.

Schewe ist in Leipzig geboren und er hat auch, damals 21 Jahre jung, die letztlich wohl alles entscheidende Kundgebung am 9. Oktober 1989 mitgemacht. Weil nicht klar war, wie der DDR-Staat auf den von der Nikolai-Kirche ausgehenden Protestzug reagieren wird, habe er sich morgens von seiner Freundin anders als üblicherweise verabschiedet: „Es kann sein, dass wir uns nie wieder sehen“.

Martin Schewe ist 16, als er auf einer Jugendfreizeit 1984 an der Ostsee Jo Winter kennenlernt. Der war Theologe und hat gegen den Staat aufgemuckt. „Das hat mich fasziniert“, sagt Schewe heute. Es bildet sich aus der Freizeit- eine Friedensgruppe in Thüringen, die sich regelmäßig trifft. Freia Klier lernt Schewe darin kennen.

1986 baut Schewe das Abitur. Um studieren zu können, war der Wehrdienst bei der NVA Pflicht. Er meldet sich allerdings für den Bausoldatendienst, was bei staatlichen Stellen nicht gerne gesehen wird. Man versucht, ihn davon zu überzeugen, dass ihm der normale Dienst an der Waffe dienlicher sei. Schewe lehnt ab, womit aber das angestrebte Mathestudium futsch war. Martin Schewe entscheidet sich fürs Theologiestudium. Es beginnt 1988 in Jena. Und Schewe schließt sich einem Gesprächskreis von Theologie- und erstaunlicherweise Jura-Studenten an, die über das „kaputte Wirtschaftssystem“ der DDR genauso diskutieren wie über Werte-Vorstellungen und eine Zukunft ohne Mauer, aber in einem eigenständigen Ost-Deutschland.

Montagsgebete

Einige Male fahren die Studenten auch zu den Montagsgebeten in der Nikolaikirche. Die ersten Vorboten der friedlichen Revolution beginnen. Am 15. Januar 1989 demonstrieren etwa 500 Bürger in Leipzig. In den folgenden Monaten kamen immer mehr Menschen zu den montäglichen Friedensgebeten in der Nikolaikirche. Immer mehr DDR-Bürger stellen Ausreiseanträge. Dann tun sich Anfang Mai 1989 erste Löcher im „Eisernen Vorhang“ auf, Ungarn beginnt mit dem Abbau der Sperranlagen an der Grenze zu Österreich. Auch Schewe hatte sich ein Visum besorgt, er kehrt aber wieder zurück. „Wenn jetzt alle gehen, dann ändert sich nichts“, schildert er seine damaligen Gedanken.

Viele andere DDR-Bürgern flüchten aber über Ungarn. Andere versuchen es – mit Erfolg – über die bundesdeutschen Botschaften in Budapest und Prag. Anfang Oktober entwickeln sich die Demonstrationen in Leipzig zu einer Massenbewegung.

Dann kommt der Tag, den Schewe nie vergessen wird. Die SED droht den Demonstranten vor der Kundgebung am 9. Oktober 1989, zwei Tage nach dem 40. Jahrestag der DDR: „Wenn es sein muss, stoppen wir auch mit Waffengewalt“. Anders lässt sich für Schewe die hohe militärische Präsenz nicht erklären.

Dennoch protestierten am 9. Oktober mindestens 70000 Menschen friedlich in Leipzig mit Kerzen in der Hand. Auf Flugblättern gerichtet an die Staatsmacht war zu lesen: „Wir sind ein Volk“. Schewe ist darunter. Plötzlich klafft eine Lücke im Zug, seine Reihe sieht sich jetzt Sicherheitskräften gegenüber. „Das Herz ist mir da in die Hosentasche gerutscht“. Aber: Die Soldaten und Polizisten schritten nicht ein. Die Reihen des Demonstrationszugs schließen sich. Schewe weiß jetzt: „Wir haben es geschafft“.

Proteste überall

Am 16. und am 23. Oktober ist er wieder in Leipzig dabei. Die Proteste breiten sich in der ganzen DDR aus. Und die SED-Führung weiß sich nicht anders zu helfen, als ein neues Reisegesetz zu erlassen, das am 9. November – früher als beabsichtigt – von Günter Schabowski verkündet wird. Dann fiel die Mauer.

Schewe studiert bis 1990 in Jena weiter. Seine Frau Valerie lernt er in der Schweiz kennen. Sie war es auch, die beide nach Schweinfurt brachte, als sie sich auf die ausgeschriebene Stelle in der Arche bewarben. Valerie Ebert-Schewe ist heute Pfarrerin in Zell, Weipoltshausen und Madenhausen, Martin Schewe Pfarrer auf der Maibacher Höhe.

1998 las er seine Stasi-Akten. Die DDR hatte ihn, den Studenten der Theologie, wegen seiner Beteiligung an den Friedensgebeten tatsächlich überwacht. Aber das, was drin steht, das nennt Schewe einfach nur „lächerlich“. Vor geraumer Zeit rief eine Kommilitonin aus der Jenenser Zeit an. Sie und ihr Mann gehörten als Jurastudenten dem konspirativen Studentenkreis an. Sie haben Schewe gebeten, dass er sie tauft, in der Arche. Er hat das gerne gemacht.

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