Schweinfurter Tagblatt vom 25.09.2012

Andacht am Zwangsarbeiter-Gedenkort: Gestaltet wird sie künftig jährlich von den Konfirmanden des jeweiligen Jahrgangs.
Rechts vom Gedenkstein die Pfarrer Martin Schewe und Eva Loos.

Foto: Hannes Helferich

Für Sandra, Christine und Franziska sind ihre Familien das „wichtigste im Leben“. Würden sie sie verlieren oder hätten sie nicht steten Kontakt zur Mutter, zum Vater und den Geschwistern, „wäre das für mich das Schlimmste“, sagte etwa Sandra. Die jungen Damen sind Konfirmandinnen, die gemeinsam mit zehn weiteren Konfirmanden der evangelischen Kirchengemeinden Gustav Adolf, Kreuzkirche, Dreieinigkeit und Christuskirche am Gedenkort für die Zwangsarbeiter auf dem früheren Lagerort Mittlere Weiden in Oberndorf sprachen.

Bemerkenswert: Alle vier Pfarrer– Christhild Grafe (Kreuzkirche), Manfred Herbert (Gustav Adolf), Eva Loos (Dreieinigkeit) und Martin Schewe (Christuskirche) – gestalteten die Premierenandacht feierlich mit.

Zur steten Erinnerung an die über 10 000 Frauen und Männer, die während der Nazi-Diktatur auch in Schweinfurt zur Arbeit gezwungen wurden, ist der Gedenkort am Main vor genau einem Jahr im Beisein ehemaliger Zwangsarbeiter feierlich seiner Bestimmung übergeben worden. Beim Gedenkort für die kurz vor Kriegsende ermordete polnische Zwangsarbeiterin Zofia Malczyk (beim Leopoldina) hat das Bayernkolleg die Patenschaft seit 2007 inne. Die für den von herman de vries gestalteten Ort im Maintal hat auf Vermittlung von Dekan Oliver Bruckmann nun die evangelische Kirche in Schweinfurt übernommen. Künftig wird immer am 24. September der jeweilige Konfirmandenjahrgang eine Andacht mitgestalten.

Sandra, Christina, Franziska und die anderen sind 14 und 15 Jahre alt. So alt wie Maria Kussyk oder Sagorsjka Daria Jakiwna waren, als sie 1942 aus der Ukraine nach Deutschland verschleppt wurden. Ihre Arbeitstage dauerten zwölf Stunden, das Essen war schlecht, die Bombenangriffe für beide unvergesslich. Pfarrerin Grafe zitierte aus ihren Schicksalsberichten, die die beiden und viele andere Ex-Zwangsarbeiter Mitgliedern der Schweinfurter „Initiative gegen das Vergessen“ gegenüber gemacht haben. Die Konfirmanden haben sich im Unterricht mit der Thematik beschäftigt, sind den Lagerweg im Maintal abgegangen.

Martin Schewe berichtete gleichwohl von – ihn erstaunende – zum Teil „heftige Reaktionen“, die nach dem Vorbericht in dieser Zeitung über die Andacht bei ihm landeten. Gefragt worden sei er, was „wir unseren Jugendlichen antun“, was wir ihnen von früher erzählen wollten. „Soll eventuell das Leid vor Ort relativiert werden?“, lautete eine konkrete Frage. „Mitnichten“ war die vor rund 60 Teilnehmern der Andacht gemachte Antwort Schewes.

Denn: Zur Identitätsbildung gehöre es, sich mit der Geschichte der Heimat zu befassen, „in der man lebt und lernt“. Dazu gehöre „wahrzunehmen, was es heißt, Gefangener in einem anderen Land zu sein, unter unmenschlichen Bedingungen hausen zu müssen“. Darum gehe es, „weil die Würde des Menschen unantastbar ist“. Schewe wählte bewusst diese im Grundgesetz verankerten Worte, die auch in den Gedenkstein eingemeißelt sind.

Der Christuskirchen-Pfarrer beleuchtete aber auch die „andere Seite“, erinnerte, dass seine Großmutter und sein Vater von 1945 bis 1949 in einem ehemaligen Konzentrationslager als Deutsche gequält worden seien. Seine Großmutter habe ihm aber eingeschärft, nie zu vergessen, „dass wir Deutschen damit angefangen haben“.

Mit den Zwangsarbeitern habe das insofern zu tun, als die Würde des Menschen immer, „egal wo auf der Welt und egal zu welcher Zeit unantastbar, nicht teilbar ist“, weder vor noch nach dem 11. September 2001, den Anschlägen der NSU und in den 1930er und 1940er Jahren. „Leid ist nicht relativierbar“, sagte Schewe.

In diesem Sinn wurde Gott gebeten – die Fürbitten trug Eva Loos vor – alles dafür zu tun, dass in unserem Land solches Leid nie mehr geschieht und wir wachsam bleiben gegen alles Gedankengut und Handeln von rechts, was in Deutschland wieder verstärkt aufkomme.

„In unser Beten schließen wir alle Menschen mit ein, die in der ganzen Welt Unrecht, Hunger, Verfolgung, Bedrohung und Gewalt erleiden“. Für den Gedenkort wünschte sich Loos, dass aus dem einstigen „Ort der Missachtung von Menschenwürde ein Ort des Friedens und echter Menschlichkeit wird“.

Pfarrer Herbert umrahmte die Andacht musikalisch. Für die Initiative dankte ihr Sprecher Klaus Hofmann für die Übernahme der Patenschaft, weil es „wichtig ist, die geäußerten Botschaften weiterzutragen“.

Dekan Bruckmann entschuldigte sein Fernbleiben mit seiner Teilnahme an der Dekane-Konferenz in Hesselberg.

25.09.2012 | Schweinfurter Tagblatt / Hannes Helferich

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