Ex-Ministerpräsident Beckstein schrieb seiner evangelischen Kirche ins Stammbuch

Schweinfurter Tagblatt, 20.10.2014
Bericht: Hannes Helferich / Fotos: Josef Lamber

Ins Stammbuch geschrieben: Ex-Ministerpräsident und Synodale der evangelischen Kirche, Günther Beckstein.

Ausgerechnet der katholische Heilige Antonius stand Günther Beckstein Zeit seines Lebens zur Seite. Die in seinem Büro aufgestellte Büste sollte ihn stets erinnern, „jeden anständig zu behandeln, nicht nur die Großkopferten“. Diese „Beichte“ gab der frühere Ministerpräsident und Synodale der evangelischen Landeskirche am Sonntag in der Christuskirche, wo er in der Reihe „Was ich meiner Kirche schon immer ins Stammbuch schreiben wollte“ sprach.
Der 70-Jährige kommt alleine, um 9.45 Uhr parkt er seinen Wagen auf dem reservierten Platz auf der Maibacher Höhe. Sofort führt er erste Gespräche mit Menschen, die wegen ihm gekommen sind. „Wir sind gespannt“, sagt auch Pfarrer Wolfgang Weich in seiner Begrüßung des „bekennenden Christenmenschen, Kirchenleitenden und erfolgreichen Politikers“. Erst am Vortag war Beckstein zum Ehrenbürger der Stadt Nürnberg ernannt worden, verrät Weich.
In Anspielung auf ein Zitat von Martin Luther erinnert Beckstein, dass er Jurist sei, kein Theologe, deshalb auch keine Predigt halten werde. Und: Er rede im Landtag, im Bundestag, „auch in Bierzelten“, in einer Kirche zu sprechen sei aber „eine besondere Herausforderung“. Deshalb bittet er die 200 Zuhörer „um ein hohes Maß an Nachsicht“. Er schmunzelt dabei, die Besucher auch.

Gleich greift er in seiner freien Rede die vorher von Erna Rauscher vom „Special Team“ verkündeten Texte zum Augsburger Bekenntnis von 1530 und der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 auf. In Ersterem geht es um die strikte Trennung geistlicher und weltlicher Gewalt, der zweite Text ist die Abgrenzung vom NS-Regime. Diesen Text in die Verfassung der Kirche aufzunehmen, wird derzeit diskutiert.
Beckstein geht auch auf die geplante Feier anlässlich „500 Jahre Reformation“ 2017 ein. Die evangelische Kirche in Deutschland versuche daraus, wie die Katholiken, „ein große Fest zu machen, ein Welt-Event“. In der 50 000 Einwohnerstadt Wittenberg solle ein Gottesdienst für 300 000 gefeiert werden. Ihm, der in seinen politischen Funktionen drei Messen für Papst Benedikt mit bis zu 250 000 Menschen organisieren musste, bereite das ein „mulmiges Gefühl“, merkt er kritisch an.
Geprägt habe ihn, das „ganz schüchterne Bürschchen“, der CVJM. Der hieß damals noch „unkorrekt Christlicher Verein junger Männer“. Solche Einschübe bringt er viele, erntet dafür Lacher und Beifall.
Wir kennen Beckstein besonders aus seiner Zeit als Innenminister Bayerns auch als Hardliner. Der 70-Jährige spart diese Zeit nicht aus. Der Pfarrer seiner Heimatgemeinde habe ihn dereinst vor dem Gang in die Politik gewarnt: „Das ist ein schmutziges Geschäft, Du willst doch als Christ leben“. Beckstein wurde Politiker, er wurde Innenminister, eine Position, die „am meisten mit Macht zu tun hat“, sagt er und räumt ein, dass dieser Spagat zwischen „Nächstenliebe und Härte eine große Herausforderung“ gewesen sei.
„Die Gefahr ist, von sich selbst zu glauben, man ist der Allerhöchste“, sagt er. Der Heilige Antonius habe ihn aber stets erinnert, dass das ein anderer ist. Er habe auch vor schwierigen Entscheidungen ein Stoßgebet gesprochen und, wenn er erhört worden sei, ein Dankgebet nachgeschoben. „Die Würde hängt nicht vom Amt ab“, die Würde des Menschen ist unantastbar, zitiert Beckstein Artikel 1 des Grundgesetzes und verdeutlicht das mit dem Beispiel der Frau im Rollstuhl, die ebenso Ebenbild Gottes sei wie Miss Welt oder die Olympiasiegerin.
Letztes Thema: die leeren Kirchen. Das habe zwar auch mit dem demografischen Wandel zu tun, aber nicht nur. „Wie kommt man wieder näher an die Menschen heran, die Botschaft zu verkünden?“, fragt er. Becksteins Antworten: Sich auf Augenhöhe begegnen so wie es auch Luther lehrt. Und zweitens dem Vorbild der Christuskirche folgen, etwa mit einem solchen Special-Gottesdienst. „Wir sind Mitmachkirche, in der wir selbst bestimmen, wohin die Reise unserer Kirche geht“, sagt Beckstein. Darin müssten auch unterschiedliche Frömmigkeitsformen möglich sein. Er habe das immer als große Bereicherung erlebt. „Jeder muss seinen eigenen Glauben finden, die evangelischen Kirche ist die Kirche der Freiheit, in der das möglich ist“.
Ob er mit einem „Amen“ ende dürfe, fragt Beckstein, schmunzelt dabei wieder und sagt „Amen und Danke für die Aufmerksamkeit“. Langer Beifall und am Ende der Eintrag ins Stammbuch, dieses Mal vor vieler Augen im Gotteshaus.

Vor dem Stammbucheintrag in der Christuskirche (2. Bild): Günther Beckstein im Gespräch mit Pfarrer Wolfgang Weich (rechts) und Jürgen Schott, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Kirchenvorstands (links).

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