Dr. Bergler hält einen interessanten Vortrag über die Geschichte des Palästinakonflikts

Wieder hatten die Initiatoren des »Gesprächs am Morgen« eine spannende Idee, als sie den Nahost-Kenner des Dekanats Schweinfurt, Dr. Siegfried Bergler, um einen Vortrag baten.
Dr. Bergler ist ausgewiesener Kenner der biblischen Lande. Er hat einige Semester in Jerusalem studiert und konnte seine profunden Kenntnisse in über 20 Reisen nach Israel aktualisieren.
Der Palästina-Konflikt ist in seiner Grundgegebenheit mit wenigen Strichen zu skizzieren:

In der Frühzeit war das heutige Palästina wesentlich von Juden bewohnt. Diese wurden im Laufe der Geschichte insbesondere zur Römerzeit durch eindringende Nichtjuden in die Diaspora vertrieben.

Seit fast 2000 Jahren siedeln in Palästina nichtjüdische Nomaden, die im 7. Jahrhundert den islamischen Glauben annahmen. Sie empfinden Palästina als ihr Land, wenngleich dort auch stets Juden als Minderheiten wohnten, was für das jüdische Traditionsbewusstsein sehr wichtig ist.

Von 1520 bis zum Ende des 1. Weltkrieges gehörte das ganze betroffene Gebiet zum Osmanischen Reich und war den osmanischen Sultanen unterstellt.

Durch die Bewegung des Zionismus um 1900 (später auch durch Holocaust, Judenverfolgungen unter Stalin und anderen) kam es zu einer starken „Rück“ Wanderung, welche die Westmächte (Völkerbund; anfangs insbesondere die Mandatsmacht England) ermöglichten.

Die Juden gründeten mit UNO-Genehmigung 1948 einen eigenen Staat, aus dem sie sofort die meisten der dort wohnenden arabischen Muslime vertrieben. Viele exilierten ins ohnehin notleidende Nachbarland Jordanien. Ein sehr großer Teil wurde später in jüdischen Besatzungszonen ghettoisiert („Westjordanland“, „Gazastreifen“).

Dieser Zustand muss nach Meinung vieler Araber beendet werden.
Der Begriff Palästina war bis in die 1960er Jahre politisch nicht klar definiert. Aber er war für Israel diskriminierend, leitet er sich doch ab von »Land der Philister«. Die (‘bösen‘, unbeschnittenen) Philister (Goliath!), waren Todfeinde der (‘guten‘, beschnittenen) Hebräer (David). Wohl dadurch und durch den Plan zum Bau eines Jupitertempels unter Kaiser Hadrian oktroyiert dieser 135 v. Chr. strafweise dem jüdischen Land Juda den Namen »Palästina« auf. Das war gewollt beleidigend. Israel darf noch im heutigen Selbstverständnis keinesfalls „Palästina“ heißen.

Die Sehnsucht, eines fernen Tages nach »Zion« (Jerusalem) zurückzukehren, stand durch die ganze Geschichte im Bewusstsein der Diasporajuden. Allerdings handelte es sich „nur“ um einen wenig konkreten Wunsch, nicht um ein starkes Wollen, nicht um eine wirkende Ideologie. Diese brachte erst der Zionismus. Ohne ihn, eine echte politische Bewegung mit der Forderung nach einem jüdischen Staat, wäre die Geschichte des Nahen Ostens anders verlaufen.

Der Wiener Journalist Theodor Herzl schrieb 1896 das Buch „Der Judenstaat“, das den Untertitel trägt: »Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage«. Das Buch wurde schnell zur Programmschrift einer neuen politischen Bewegung innerhalb der Diaspora-Juden, die den Namen »Zionismus« erhielt. Ziel war es, den Juden ein neues Selbstbewusstsein als eigenständiges Volk zu geben und die Achtung der Nichtjuden zu gewinnen. Theodor Herzl forderte im „Ersten Zionistischen Kongress“ 1897 die Rückkehr des „Jüdischen Volkes“ in das Land Israel und dort die Wiederbelebung eines jüdisch-nationalen Lebens.

Schon bald kam es zu bedeutenden Landkäufen seitens der Juden. Die ersten Rückwanderer wurden sesshaft und schnell bildeten sich viele Kibuzzim als Kernzellen der jüdischen Einwanderung.
Großbritannien versprach am 2.11.17 in einem Brief des Außenministers Arthur J. Balfour an Lord Rothschild, dem Vertreter der Zionisten, die Einrichtung einer »nationalen Heimstatt« für das jüdische Volk in Palästina. Dieser Brief ging als »Balfour-Declaration« in die Geschichte ein. Die Juden sollten demnach in Palästina eine Heimstatt (keinen Staat!) erhalten.

1947 beschloss die UNO mit 33 gegen 13 Stimmen die Gründung des Staates Israel (mit einem strategisch allerdings sehr ungünstigen Zuschnitt). Im Land wohnten zu der Zeit ca. ⅓ Juden und ⅔ Nicht-Juden. Das den Juden zugedachte Land betrug 56 % der betroffenen Landfläche. Das emotional hoch bedeutende, wirtschaftlich aber eher bedeutungslose Jerusalem wurde zur Hauptstadt erklärt; aus völkerrechtlichen Gründen aber errichteten die Staaten ihre Botschaften u. dergl. in Tel Aviv ein.

1948 erlosch das britische Mandat über Palästina. Ben Gurion rief den unabhängigen Staat Israel aus. Schon am folgenden Tag kam es zum 1. israelisch-arabischen Krieg (»Palästinakrieg«), den Israel gewann und sein Land unverzüglich erheblich vergrößerte. Durch die Flucht beziehungsweise Vertreibung von ca. 800.000 Arabern (Palästinensern) aus Israel 1947/48 entstanden in den arabischen Nachbarstaaten große Flüchtlingslager, die zum Teil noch heute bestehen.

Das Spannungsverhältnis zu den arabischen Staaten, die Israels staatliche Existenz in Frage stellen, und das Palästinenserproblem steigerten sich mit starken internationalen Aspekten zum Nahostkonflikt, der sich zunächst im Suezkrieg (1956), dann im Sechstagekrieg (1967) militärisch entlud. 1967 besetzte Israel das Westjordanland, die Sinaihalbinsel, den Gazastreifen und die syrischen Golanhöhen, revidierte die Landnahmen später aber teilweise wieder.

Über die Situation heute berichten unsere Zeitungen täglich.

Wir lernten an diesem Vormittag sehr viele Details aus dem sehr locker vorgetragenen Kenntnisfundus unseres Referenten.

Unter den muslimischen Heiligtümern (Felsendom, Al-Aksa-Moschee) ruht der zerstörte jüdische Tempel (dessen frühere Existenz archäologisch nicht nachgewiesen ist). Unter den Juden ist dessen Wiederaufbau umstritten; es gibt Bewegungen, die ihn (zu Lasten des muslimisch verwalteten Tempelberges) wieder errichten möchten, und andere, die den status quo (muslimische Autonomie am Tempelberg) erhalten möchten. Dr. Berglers Meinung dazu: »Der Tempelberg ist kein archäologischer Park«.

Wir erkannten, dass der Konflikt durchaus entgegen einer weit verbreiteten Meinung wesentlich mehr politische Dimensionen hat, als religiöse. Das könnte sich allerdings ändern, wenn es am Tempelberg zu bedeutenden Gewalttaten käme.

Es kann nur die Hoffnung, nicht aber die Gewissheit geben, dass es nicht noch zu einem erheblichen Konflikt ums Wasser kommt. Die Quellen sind wenig ergiebig. Vom Jordanwasser profitiert praktisch nur Israel; Palästina leidet Not.

Wir sahen an Hand ausgeteilter Landkartenkopien die geografischen Veränderungen in Israel seit 1948 recht eindrucksvoll. Aber — beim Blick auf die Karte sehen wir, dass Israel wohl nur zu Jordanien hin, eine relativ sichere Grenze hat.

Wir konnten uns anhand ausgeteilter Kopien in einige wichtige Teile von Schlüsseltexten einlesen, so in Herzls »Judenstaat«, in die Balfour-Declaration, in die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel, in das Gaza Jericho-Abkommen, u. a.

Wir lernten den Unterschied zwischen Fatah (säkular) und Hamas (islamisch) kennen (Merkblatt).

Wir waren uns (wahrscheinlich) einig, dass eine 3. Intifada (gewaltbereiter ziviler Ungehorsam) trotz vieler einzelner Aufrufe nicht unmittelbar bevorsteht.

Für einen Frieden im Zusammenhang mit Israel/Palästina ist die vielfach geforderte 2 Staaten-Lösung nicht geeignet. Das Gesamtgebiet hat die Größe Hessens und ist für die Bildung eines so schwierigen Staates zu klein. Wenn schon, müsste z. B. Jordanien einbezogen werden.

Dr. Berglers Vision: Jerusalem zur Hauptstadt aller monotheistischen Religionen zu machen hat, so räumt er selbst ein – wohl kaum eine Chance.
Der Referent schloss mit dem 122. Psalm:

Ein Segenswunsch für Jerusalem
Von David, ein Wallfahrtslied.
Ich freute mich über die, die mir sagten:
Lasset uns ziehen zum Hause des HERRN!
Nun stehen unsere Füße
in deinen Toren, Jerusalem.
Jerusalem ist gebaut als eine Stadt,
in der man zusammenkommen soll,
wohin die Stämme hinaufziehen,
die Stämme des HERRN.

Es war für alle von uns ein erhellender und sehr kurzweiliger Vortrag, der wohl den Einen oder Anderen anregt, künftig seine Zeitung noch aufmerksamer zu lesen. Danke an Dr. Bergler, der verdient üppigen Applaus erhielt.
[Kurt Weber]

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